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Der menschliche Körper ist sehr unterschiedlichen Kräften ausgesetzt. Rolfing hilft dir dabei, das strukturelle Gleichgewicht deines Körpers zu stärken. Es schult dein Bewusstsein für alltägliche Bewegungen und Haltungen beim Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen.

Rolfing – Was ist das?

Rolfing hilft dir dabei, das strukturelle Gleichgewicht deines Körpers zu stärken. Es geht also weniger um seelisches Gleichgewicht, sondern um die Balance deiner Körperteile. Um zu verstehen, was Gleichgewicht aus physikalischer Sicht überhaupt ist, gebe ich dir ein Beispiel: Stell dir vor, du hältst einen kleinen Ball zwischen Daumen und Zeigefinger. Dieser Ball befindet sich im Gleichgewicht, weil du mit deinen Fingern bzw. mit den Muskeln deines Armes und deiner Hand dieselbe Kraft aufbringst, mit der die Schwerkraft auf den Ball einwirkt. Die Schwerkraft zieht den Ball nach unten, die Kraft deiner Muskeln zieht ihn in gleicher Weise nach oben, die beiden Kräfte heben sich dabei gegenseitig auf, ihre Summe ist daher Null. Lassen deine Finger los, kommt der Ball aus dem Gleichgewicht und fällt zu Boden, weil dann eben nur noch eine Kraft auf ihn einwirkt, nämlich die Schwerkraft. Weil der Boden ein fester Körper ist, wirkt er mit der sogenannten „Normalkraft“ (Stützkraft der Erde) auf den Ball. Der Ball befindet sich erneut im Gleichgewicht, weil die Normalkraft und die Schwerkraft in diesem Fall gleich stark sind und einander entgegenwirken. Die Physik betrachtet Gleichgewicht also als den Zustand, in dem sich alle Kräfte gegenseitig aufheben, die auf einen Körper einwirken, ob diese Kräfte nun von innen oder von aussen kommen. Bei ruhenden Körpern (wie dem Ball zwischen deinen Fingern oder am Boden) oder bei sich gleichmässig und geradlinig bewegenden Körpern (z. B. einer auf der Ebene rollenden Kugel) sind alle Kräfte im Gleichgewicht und neutralisieren sich gegenseitig. 

Der menschliche Körper ist sehr unterschiedlichen Kräften ausgesetzt. Von innen wirken z. B. die Muskelkraft, die elastische Spannkraft unseres Bindegewebes sowie der Innendruck der verschiedenen Körpersäfte in den Gefässen (z. B. Blut, Lymphe), der in der Fachsprache „Turgor“ heisst. Von aussen wirken die Schwerkraft und die Stützkraft der Erde (Normalkraft) auf unseren Körper ein, wobei insbesondere die Schwerkraft einen grossen Einfluss auf uns bzw. auf unser Bindegewebe ausübt. 

Das Bindegewebe lässt sich auch als Hüllgewebe bezeichnen, denn zähe, aus Bindegewebe bestehende Häute, die sogenannten „Faszien“, umhüllen Knochen, Muskeln und Organe und verbinden diese miteinander. Wenn du alle Faszien zusammen betrachtest, dann bilden diese ein dreidimensionales Netz, das den gesamten Körper zusammenhält. Unser Körper erhält dadurch seine Grundstruktur und seine Form. Aber nicht nur dafür sind Faszien verantwortlich, sondern sie sorgen mithilfe ihrer elastischen Spannkraft auch dafür, dass du aufrecht stehen und gehen kannst, wobei sie zugleich deine Muskeln entlasten. 

Unter dem starken und ständigen Einfluss der Schwerkraft können sich einzelne Faszien mit der Zeit verkürzen und verhärten. Wenn du dir vorstellst, dass alle Faszien netzartig miteinander verbunden sind, dann kannst du dir denken, dass diese Verkürzungen und Verhärtungen nicht nur die betroffenen Faszien und den Körperbereich beeinträchtigen, in dem sich die jeweilige Faszie befindet, sondern dass sie das gesamte Bindegewebssystem in Mitleidenschaft ziehen. Im zusammenhängenden Fasziennetz werden nämlich Fehlspannungen von einem Körperbereich auf den anderen übertragen. Weil sich die Kräfte dann ungleichmässig verteilen und nicht mehr gegenseitig aufheben, wird das Gleichgewicht deines Körpers gestört und deine Körperstatik gerät sozusagen „ins Wanken“. Damit du dich trotzdem einigermassen aufrecht halten und dich bewegen kannst, musst du unter diesen Umständen letztlich mehr Kraft aufwenden. Langfristig gesehen führen Verhärtungen und Verklebungen im Bindegewebe zur Fixierung dieser Fehlhaltungen, was wiederum deine Beweglichkeit einschränkt. Du kannst dir vorstellen, dass dieser Zustand auf Dauer Ermüdungserscheinungen, Verspannungen, Verschleiss von Körpergeweben und Schmerzen nach sich zieht. Dem versucht die Rolfing-Methode entgegenzuwirken: Indem das Verhältnis des Körpers bzw. des gesamten Organismus zur Schwerkraft mithilfe von Rolfing besser gestaltet wird, kann dein Körper wieder zurück in „seine Mitte“ finden, also ins Gleichgewicht. Damit wird zugleich eine bessere Grundlage für deine Gesamtpersönlichkeit geschaffen und du lernst deinen Körper als Ausdruck deiner Person zu erleben. 

Die Entwicklung der Rolfing-Methode

Entwickelt wurde die Methode von Ida Pauline Rolf (1896-1979), einer amerikanischen Biochemikerin, die viele Jahre lang am Rockefeller-Institut arbeitete. Als Wissenschaftlerin beschäftigte sie sich überwiegend mit den Eigenschaften des menschlichen Bindegewebes. Darüber hinaus interessierte sie sich für Yoga, Osteopathie und Homöopathie. Aus all ihren Beschäftigungsgebieten leitete sie Erkenntnisse ab und schuf schliesslich das Konzept der „Strukturellen Integration“, wie sie ihre Vorgehensweise nannte. Als „Rolfing“ wurde die Methode später bekannt. Ida Rolf vertrat die Überzeugung, dass sich durch die von ihr entwickelte manuelle, also mit den Händen ausgeführte, Körpertherapie über das Bindegewebe nicht nur der Körper wieder ins Gleichgewicht bringen lässt, sondern dass sich nachfolgend auch das seelische Gleichgewicht wieder einstellt. Infolge einer Begegnung mit dem deutsch-amerikanischen Psychotherapeuten Fritz Perls erfuhr Ida Rolfs Methode Mitte der 1960er Jahre in den USA starken Aufschwung. In Boulder, Colorado, gründete die Körpertherapeutin 1971 schliesslich das „Rolf Institut für Strukturelle Integration“, in welchem sie ihre Methode lehrte. 

Grundlegend für Ida Rolfs Methode war, dass sie das Bindegewebe bzw. die Faszien als strukturgebendes Körpergewebe ansah und ihr gleichzeitig bewusst war, dass das körperliche und seelische Gleichgewicht von einer guten Anpassung an die Schwerkraft abhängig ist. Sie erkannte, dass sich mithilfe von gezieltem und gefühlvollem Druck verklebte und verspannte Faszien und Bindegewebsschichten wieder lösen lassen. Entsprechend des Körperbereichs und je nachdem, in welcher Schicht behandelt werden soll, nutzt der Therapeut dabei nicht nur seine Finger und Hände, sondern gegebenenfalls auch die Finger- und Handknöchel oder gar die Ellbogen. Gewebsverkürzungen werden dabei gedehnt und Verhärtungen gelockert und geschmeidig gemacht. Die „Rolferin“ therapiert dabei nicht die Symptome. Stattdessen steht die Verbesserung der gesamten Körperhaltung im Vordergrund. Dabei sollen die maximale Aufrichtung erzielt sowie ökonomische Bewegungsformen erlernt werden. Rolfing will folglich nicht medizinische Probleme oder deine Schmerzen behandeln, sondern es versucht deinen Körper unter den Bedingungen der Schwerkraft neu auszurichten. Daher begreift sich die Methode eher als vorbeugende Massnahme. Bestenfalls verschwinden durch die Therapie jedoch auch deine Symptome, sofern du schon welche hast. 

Rolfing-Finde-dein-Gleichgewicht-und-nimm-Haltung-an

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Rolfing dir helfen will, im Gleichgewicht mit dir selbst und deiner Umgebung zu sein. Es schult dein Bewusstsein für alltägliche Bewegungen und Haltungen beim Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen. Du lernst dabei weniger deine Muskelkraft einzusetzen als vielmehr die Schwerkraft, die Normalkraft (Stützkraft der Erde) und die elastische Spannkraft deiner Faszien zu nutzen. Deine Bewegungen werden entspannter, federnder, ökonomischer und intelligenter, ähnlich den geschmeidigen Bewegungen einer Katze. Du bekommst ein Gefühl für Gleichgewicht und dafür, wie die Schwerkraft auf deinen Körper wirkt. Wie bei allem fällt kein Meister vom Himmel: Es bedarf ein wenig Zeit und Raum, um die neu erlernten Haltungen und Bewegungen einzuüben. Doch je länger du übst, umso eher merkst du, wenn du in alte unökonomische Haltungen und Bewegungsmuster zurückfällst. Vielleicht hat dieser Artikel ja deine Neugier geweckt? Probiere es aus! Finde zurück in dein persönliches Gleichgewicht und nimm eine aufgerichtete, ökonomische Haltung an. 

Herzlichen Dank an Dr. Thomas Walser (www.dr-walser.ch) für seine Basis für diesen Beitrag. Ergänzend wurden Wikipedia-Artikel über Rolfing und Ida P. Rolf herangezogen. 

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